Wann immer ich in den letzten Monaten in einer Buchhandlung oder Bibliothek war, blitzten mich die Bücher von Oliver Sacks an. Ich vertraue meist auf solche intuitiven Anziehungen zwischen Büchern und mir. Doch immer zögerte ich, Oliver Sacks betreffend, dem Impuls zu folgen.
Vor ein paar Wochen endlich, griff ich dann doch zu. Irgendwoher kannte ich den Namen, hatte nur Mühe, ihn einzuordnen. So oft hatte er in meinen inneren Ohren “geklingelt”… Wie immer war die Funkverbindung zu meinem Herzen hervorragend, denn es stellte sich heraus, dass Sacks Neuropsychologe ist.
Neuropsychologie ist eines der Themen, die mich immer wieder beschäftigen, und zwar vor dem Hintergrund der Frage aller Fragen: “Beherrscht der Geist den Körper oder der Körper den Geist?” Ich tendiere ganz klar zu der Antwort: Der Geist beherrscht den Körper, d.h. dass meiner Auffassung nach viele Krankheiten, denen organische Veränderungen im Gehirn zugrunde liegen, ursprünglich in Geist und Psyche des Betroffenen ihren Anfang nahmen. Ich lese also Literatur dazu, um diese Annahme zu überprüfen.
Heute traf ich auf eine interessante Stelle in Sacks Buch “Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte”: Sacks schildert einen Patienten mit “Tourette-Syndrom”, das durch so genannte Tics (unvermittelte heftige Bewegungen) und ungewollte Äußerungen und Fluchen gekennzeichnet ist. Die Krankheit kann das Selbst eines Patienten sehr stark verändern, so Sacks. Im zunehmendem Maße beginnt das Selbst sich mit der Krankheit zu identifizieren und unterzuordnen, bis es nahezu jegliche Eigenständigkeit eingebüßt hat und nur noch wie ein Produkt der Krankheit erscheint. Gerade Patienten mit einem schwachen und wenig entwickelten Ich haben der Krankheit nichts entgegen zu setzen und gleiten ab in etwas, was Sacks “Besessenheit” oder “Enteignung” nennt.
Anders hingegen ist es bei einer starken Ich-Ausbildung. Dann besteht die Chance, die Symptome bis zu einem gewissen Grade zu kontrollieren. Sacks schildert des weiteren, dass nahezu alle Betroffenen symptomfrei sind, wenn sie sich mit Spiel oder künstlerischen Aktivitäten beschäftigen! Künstlerische Aktivitäten und das klare Gefühl, mit sich selbst eins zu sein und diesem Ich auch eine gewisse Identität zuzuschreiben, stehen meiner Ansicht nach im Mittelpunkt des Herzgeistes. Sacks bestätigt mit diesen Informationen meine Vermutung, dass eine Person willentlich Einfluss auf seine Krankheit nehmen kann und es zudem einen Teil in ihm gibt, der von der Krankheit unberührt bleibt.
Offen bleibt die Frage, was nun genau die Ursache dieses Syndroms ist (siehe Wiki-Artikel). Wohl sind die Stoffwechselvorgänge im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten, wie dies auch beispielsweise bei organisch bedingten Psychosen der Fall sein kann. Aber wieso? Sacks weist auch darauf hin, dass bestimmte phylogenetisch bedingte primitive Instinkt- und Verhaltensmuster bei Tourette-Kranken eine Rolle spielen.
Ob wohl auch Konditionierungen, Sozialisation und andere Faktoren da hinein spielen? Fragen über Fragen, auf die ich sicher nach und nach Antworten finden werde. Ich ahne bereits, dass sich die Frage, ob der Körper stärker den Geist beeinflusst oder umgekehrt, nicht eindeutig beantworten lässt. Vielleicht wird es immer eine Frage sein, die für jeden einzelnen Menschen individuell beantwortet werden muss…
Ich bin schon gespannt auf den nächsten intuitiven Buchkauf! Ich habe in den letzten Jahren durch nichts besser meinen Horizont erweitert, als durch mir aus einem Buchhandlungsregal plötzlich entgegen “blinkende” Bücher! Sie geben immer Antwort auf offene Fragen, die ich mit mir herumtrage. Kennen Sie das auch?