Vergangenen Donnerstag habe ich mich nach langer Zeit wieder einmal aufgemacht, einen Buddhistischen Vortrag zu besuchen. Das war ein Aha-Erlebnis für mich, denn ich hatte das Glück, auf Tsoknyi Rinpoche zu treffen. Rinpoche war hier in München auf der Durchreise zu einem Dzogchen-Seminar in der Nähe von Kitzbühel und sprach frei über das, was ihn zur Zeit beschäftigt und nicht über Buddhistische Theorie und Erleuchtung, die man – seiner Meinung nach – jeder Zeit “googlen” kann.
Tsoknyi Rinpoche skizzierte kurz den wesentlichsten Unterschied zwischen Buddhisten im alten Tibet und Buddhisten im Westen: Das einfache und auf Grundlegendes reduzierte Leben eines Menschen auf dem tibetischen Hochplateau versus das komplexe, überbordende Leben eines Westlers. Das Selbstbild – oder das “Soziale Ich”, wie es Rinpoche nannte – ist sehr verschieden. Der Tibeter hatte eine natürliche Grenze in seinem Wünschen und Wollen, wohingegen jeder Westler von klein auf auf Karriere, Erfolg und Besitzen-Wollen eingestellt wird (aus Gründen, die ich hier nicht diskutieren werde, die aber durchaus von Bedeutung sind für die Tatsache, dass dieses “Immer-mehr-Wollen” überhaupt existiert. Sie beruht nämlich auf einem grundlegenden Mangel an bedingungsloser Liebe, oder, psychologisch ausgedrückt, einem früh einsetzenden Selbstverlust. Bei Gelegenheit komme ich darauf zurück).
Die Grenze in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Tibeters und damit eines tibetischen Buddhisten von einst, auf den die buddhistische Lehre zugeschnitten ist, ließ im Innern gar keine große Entfernung vom “Natürlichen Ich” oder von der “Buddhanatur” zu. Wenn also ein Lehrer die Meditationsanweisung gibt, in seiner wahren Natur zu ruhen, ist das für einen Menschen in einfachen Verhältnissen gar kein so großes Problem. Seine alltäglichen Probleme sind überschaubar und sein Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen, kaum ausgeprägt. Demnach ist auch sein subtiler Energiekörper, der Träger von Gefühlen und Gedanken, ruhiger und ausgeglichener als bei einem Westler. Ein solcher Mensch kommt somit auch in der Meditation schneller zu wahrer Geistesruhe und in Kontakt mit sich selbst.
Stellen wir dem nun uns selbst gegenüber, die wir vielleicht noch einen hohen Bildungsgrad genossen haben, bietet sich ein vollkommen anderes Bild: Einerseits sind wir unser Leben lang darauf getrimmt, unseren Kopf und Energiekörper mit all dem Wissen vollzustopfen, was wenig mit unserer wahren Natur, also vielmehr mit dem Funktionieren unserer überbordenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen zu tun hat. Unsere vollgestopfte Umgebung führt dazu, dass wir auch im Kopf immer schön auf Trab bleiben. Immerzu kommt Neues auf uns zu, weil alles im raschen Wandel begriffen ist. Wir denken, dass wir mithalten wollen und müssen, bau(sch)en unser “Soziales Ich” oder Selbstbild in eine gewissen Hinsicht auf, treiben es immer weiter und schneller voran, ebenso natürlich unsere materiellen Besitztümer. Die Folge davon ist, dass wir in unserem subtilen Energiekörper komplett durcheinander geraten (da er der Träger unserer Emotionen und Gedanken ist). Er ist – so meine Auffassung – erstens vollkommen verstopft und zweitens kennen wir uns wenig damit aus, wie wir ihn gesund erhalten.
Tsonkyni Rinpoche sagte, dass insbesondere intellektuelle Menschen im Westen daher unter einer “Lung”-Krankheit leiden. “Lung” meint hier das tibetische Wort für “Wind”. Mit Wind werden die subtilen Energien im feinstofflichen Körper bezeichnet. Diese Krankheit führt dazu, dass wir den Zugang zu unserer persönlichen Verankerung verlieren. Die Energien verlagern sich extrem in Herz- und Kopfbereich, Kopf-, Rücken- und Augenschmerzen sind die Folge. Wir verlieren nicht nur unseren Kontakt zum Körperschwerpunkt und gewöhnen uns eine falsche Atmung an, auch psychische Erscheinungen treten auf, wie zum Beispiel unsere zunehmende innere Vereinsamung und Abhängigkeit von Bestätigung von außen für unser Soziales Selbst. (Ich wage sogar zu behaupten, dass die allermeisten psychischen Probleme genau darin wurzeln, ganz zu schweigen von psychosomatische Erscheinungen, die sich später als schwere körperliche Krankheiten manifestieren können.)
Wir können nicht mehr einfach und wir selbst sein, ohne uns ständig hinter unserem Sozialen Selbstbild (Rechtsanwalt, Arzt, Künstler, Schriftsteller usw.) zu verstecken. Wir sind somit aus dem Gleichgewicht und aufgrund dieses Aufruhrs in unseren feinstofflichen Energien, die Tsokyni Rinpoche mit ständigem “Speed geben” und “noch mehr wollen” charakterisierte, kommen wir nicht zur Ruhe und somit auch nicht in den Kontakt zu unserer wahren Herzensnatur.
Wenn uns also ein Lehrer sagt, der vielleicht Mediationsanweisungen gibt, ruhig in unserer wahren Natur zu ruhen, die weit ist, wie der Raum, was machen wir dann? Ich hatte früher kaum eine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen sollte. Denn das einzige, was ich permanent in mir antraf, waren ständig aufwallende Emotionen und kreisende Gedanken, die mich in einen Strudel abwärts rissen und zu ersticken drohten…
Der Kontaktverlust zur bedingungslosen Liebe unserer wahren Herzensnatur, unserem natürlichen oder einfachen Ich, macht, so Tsoknyi Rinpoche, viele Betroffene sogar oft kaltherzig. Das kalte Herz vieler Menschen macht mir schon seit meiner Kindheit schwer zu schaffen. Die einfachen Tibeter hingegen sind warmherzig und offen. Rinpoche ist davon überzeugt, dass diese Wind-Krankheit gerade viele intelligente westliche Menschen zum Buddhismus führt, weil sie sich von ihm Hilfe erhoffen.
Es besteht die Gefahr, dass Buddhismus jedoch nicht zur Heilung führt, wenn er wiederum nur zum Bestandteil des “Sozialen Ich” gemacht wird und den Praktizierenden nicht zur wahren Herzensnatur führt. Und da liegt für mich der Hase im Pfeffer, wie man so schön sagt. Wie kann ich sicherstellen, dass die äußerst hilfreichen Mittel des Buddhismus mich tatsächlich erreichen und nicht nur ein weiteres Einzuverleibendes für die ständige Gier nach mehr wird? Eine Frage, die mich seit Jahren umtreibt, zumal ich selbst mir anfangs auch diese Mittel nur einverleibt habe, bis ich spürte, dass da etwas nicht so funktioniert, wie es sein sollte.
Ich bin nun seit ungefähr 10 Jahren Buddhistin und habe in meiner Praxis wohl alle möglichen Höhen und Tiefen erlebt, inklusive der Tendenz, alles hinschmeißen zu wollen. Gerade weil ich viele Sachen nur schwer aus dem traditionell Tibetischen in meine Lebenswirklichkeit übersetzen konnte und es mich wahnsinnig machte, dass der Buddhismus an manchen Punkten davon spricht, wie “einfach” es sei, es aber eindeutig nicht ist. Daher bin ich oft auf psychologische und psychotherapeutische Literatur ausgewichen, um Ansatzpunkte und Erklärungen für mein inneres Erleben und meine Selbsterfahrung zu finden.
Deutschland ist ein “abgelegenes Land”, wo man schwer einen guten Buddhistischen Meditationslehrer findet, zu dem eine gute Beziehung aufbaubar ist, insbesondere dann, wenn man wenig Geld hat und auch nicht reisen kann. Trotz meiner innigsten Überzeugung, dass Meditation und Buddhismus mein Weg ist, reichten eben alle theoretischen Informationen, die ich “gegooglet” habe, nicht aus und ich musste mich oft auf meine eigene Intuition verlassen und über den Tellerrand meiner zur Verfügung stehenden buddhistischen Möglichkeiten hinausschauen. Doch Tsoknyi Rinpoche fasste – in anderen Worten, als ich es täte und hier tat – meine in sechs Jahren gewonnenen Einsichten zusammen. Ich fühle mich enorm erleichtert, dass ich mich trotz allem nicht von meinem Weg entfernt habe und meine Beobachtung, dass es insbesondere intelligente und gebildete Westler besonders schwer haben, wirklich an ihre wahre Herzensnatur zu gelangen, richtig ist.
Doch ist es eine schmerzhafte Einsicht: In der spirituellen Praxis wird unser “schnell, schnell” nicht fruchten und braucht viel Zeit und Geduld. Tsoknyi Rinpoche hat es für mich amtlich gemacht. Keine Ausflüchte mehr…
Der wichtigste Schritt, dass die buddhistischen Mittel wirklich ihre Wirkung tun, ist in meinen Augen erst einmal, die eigene Wind- Krankheit anzunehmen und zu akzeptieren. Das ist der Punkt, an dem ich mich seit einigen Monaten bewusst befinde und die Jahre zuvor unbewusst auf dem Weg war: Ich erwache zu meiner eigenen Bedürftigkeit, zu den eigenen inneren Wunden, die entstanden sind, weil mir bedingungslose Liebe fehlt. Ohne die Beschäftigung mit meiner persönlichen Vergangenheit wäre ich nie dahin gekommen, zu verstehen, dass ich in diesem Leben niemals gelernt habe, bedingungslose Liebe – sprich mein geistiges Herz – dauerhaft zu fühlen oder anderen zu öffnen. Stattdessen habe ich ein mit mir nicht übereinstimmendes, jedoch lange gelebtes Selbstbild, was mir Angst macht – und damit jede Menge Depressionen und überflüssige Scham- und Schuldgefühle.
Das ist die Wahrheit. Und eine wunderbarer und echter Ausgangspunkt, um endlich mit der Praxis anzufangen…
…Grandiose Aussichten!
_/\_ Danke, Tsoknyi Rinpoche!
Liebe Briefschreiberin,
ich habe Deinen Namen leider nicht gefunden.
Ich war auf bei diesem Vortrag und genau so angetan davon wie Du. Er hat einfach mein Herz geöffnet, zuerst, indem er von sich erzählt hat und im Laufe des Vortrags durch Erweckung von Interesse und Mitgefühl immer mehr. Man merkte es auch an dem zunehmenden “Mucks-Mäuschen-Still” und der Atmosphäre im Raum.
Rinpoche ist eine Quelle von Weisheit und Mitgefühl und kann ausgezeichnet in seiner einfachen, humorvollen Art buddhistisches Gedankengut vermitteln, damit wir es im Alltag anwenden können.
Ich danke Dir ganz herzlich. Alles Liebe von
Adila.
Danke für deinen Kommentar, Adila!
Am meisten hat mich berührt, dass er mich da abgeholt hat, wo ich selbst gerade stehe und somit einige Zweifel, meinen eigenen Weg betreffend, beseitigt wurden. Dafür bin ich wirklich dankbar!
Nun möchte ich langfristig darauf hinarbeiten, mal ein Seminar von Tsoknyi Rinpoche hier in Deutschland zu erwischen. Das im letzten Jahr habe ich verpasst.
Schau doch gerne mal wieder hier vorbei, Adila!
Herzliche Grüße und alles Liebe
Herzgeist / Josephine