Den Artikel “Herzgeist ist…” ( siehe Blog) fand ich, wie so oft vollkommen zufällig in meinem elektronischen Tagebuch. Ursprünglich wollte ich die Festplatte aufräumen, klickte wahllos auf einen meiner Einträge aus Januar diesen Jahres, – und siehe da, ein längst vergessenes Plädoyer der Passion meines Lebens erschien da plötzlich vor meinen Augen!
Während ich ihn minimal für das Blog überarbeitete, spürte ich noch ein wenig meiner Vergangenheit hinterher, in der ursprünglich über ein paar Jährchen “der Buddhismus” meine Passion zu sein schien…
Seinerzeit praktizierte ich fleißig so, wie es gelehrt wird. Engagierte mich. War freigebig mit allem, was ich entbehren konnte: Zeit, Geld, Muskelkraft, Organisationstalent, Enthusiasmus, Geduld, HINGABE. Flehte innerlich um mehr Möglichkeiten, zurückgeben zu können, was der Dharma mir schenkte. Und blieb trotzdem sehnsüchtig. Enttäuscht beinahe.
Ich bemerkte gar nicht, wie ich in neue, wilde, immer unüberschaubare Verstrickungen versank. Ich hatte Angst, keine gute Buddhistin zu sein – wie all die anderen, die ständig darum bemüht sind, alles richtig zu machen. Mein Tagwerk war geprägt davon, mich penibel zu überwachen. Und doch zu scheitern. Ich saß bereits in der Falle. Der Falle, der ich ursprünglich zu entfliehen gehofft hatte.
Ich hatte vergessen, bei mir selbst anzufangen. Mit der Praxis. Wie ich mich zurückstellte! Ignorierte! Geißelte! Abwertete! Und alles auszugleichen suchte, indem ich im unaufhaltsamen Galopp äußerer Aktivitäten voranpreschte! Je weiter die wilde Fahrt ging, desto unglücklicher fühlte ich. Je mehr ich hinter die Kulissen des Buddhismus, wie er hier in unseren Breiten gelebt wird, schaute, desto düsterer wurde es um mich.
Darüber hinaus war ich irgendwann wütend. Wütend auf meine Dharmageschwister und auf “den Buddhismus”. Und schämte mich zugleich dafür. Ich war so wütend, dass ich in meiner Wohnung auf und ablief, überschäumend, Feuer speiend, aufgewühlt und abgrundtief verwundet. Tagelang. Wochenlang. Nicht verstehend, dass dieser Zustand einfach nicht zur Ruhe kommen wollte.
Damals wusste ich noch nichts von der Wind-Krankheit (siehe Blog vom 15.07.08) Und ich sah das, was unharmonisch war, nicht in mir selbst – denn dazu hätte ich mich selbst für voll nehmen müssen, was ich wie beschrieben fortwährend vergaß. Aus Gewohnheit.
Ich brauchte eine Pause. Distanz, zu dieser Umgebung, die mir teuer war, aber mich nicht innerlich befreite, sondern fest im Griff der Wiederkehr des immer gleich Ungewollten hielt.
Mein Inneres drängte mich, zwang mich nun dazu, forderte mich auf, still und stiller zu werden, bis ich endlich anschauen könnte, was da in mir blutete und litt…
Eines Tages, nach langer Zeit des beharrlich nach innen Schauens, sah ich es: Das erschrockene, nicht begreifen könnende Kind, dass seine innigsten Bedürfnisse ungewollt sein sollen.
Das Kind – jenes unschuldig, kleine Mädchen war wütend. Furchtbar wütend über all die Ablehnung, die Respektlosigkeiten, die Selbstbezogenheit, die Ignoranz, die Kaltherzigkeit und was der Verletzungen mehr sind, die seit der frühen Kindheit tagtäglich und vorwiegend nonverbal in dieser Gesellschaft so mitgenommen werden. Rasend ob des Mangels an Zuwendung, Verständnis und Liebe. Unerwartet Reißzähne entblößend. Ausgetickt am Ort meiner größten Hoffnung auf Rettung.
Die Wut war zerstörerisch. Eine Naturgewalt. Eine Schreckgestalt. Eine Sintflut. Und buddhistisch nicht legitim. Nicht in dieser Rohheit.
Ich saß doppelt in der Falle.
Dieses Kind war verzweifelt. Seit unendlicher Zeit. Zu lange schon.
Es flehte danach, erlöst zu werden. Als äußerlich gut funktionierende Buddhistin dies zu tun, war mir nicht möglich. Denn das Argusauge, das christliche Über-Ich, das von Geburt an über mich gewacht hatte, war nun einem buddhistischen gewichen. Ich hatte das eine Korsett abgelegt, um ahnungslos das nächste überzustreifen.
Von nun an war mir jedes Mittel recht, was wirkliche Erlösung verhieß. Was auch nur den leisesten Anschein erweckte, es könnte hilfreich sein, tat ich.
Jahre vergingen. Ich hörte oft einen Satz in mir, wenn ich mich aufs Meditationskissen setzte: “Verleihe Dir selbst Gnade.” Ich vertraute dieser Stimme. Ich wiederholte dieses Mantra. Versuchte zu verstehen. Indem ich fühlte und weniger dachte. Weitere Mantras folgten. Ich stritt mich. Machte nicht länger gute Miene zu Spielen, die sich böse anfühlten. Sprach aus, was mich bewegte. Vertraute darauf, dass in Ordnung war, was aus mir drängte. Obwohl es lange angestaut war. Gerade deshalb. Klammerte mich an die Idee, dass alles irgendwann zur Ruhe kommt. Nur Geduld.
Ein aufschimmerndes Licht am Horizont folgte.
Irgendwann war er da, der Begriff “Herzgeist” – buddhistisch inspiriert, aber mit einer persönlichen inneren Verlinkung versehen. “Herzgeist” nahm den Platz von “dem Buddhismus” ein. Denn “Herzgeist” ist “Buddha-Natur”, keine praktizierte Religion. Herzgeist ist Ich. Nicht Über-Ich.
Bin ich nun jemand mit buddhistischen Herzgeist? Oder eine Buddhistin mit Herz(geist)? Das ist mir inzwischen nicht so wichtig, in Anbetracht der Tatsache, dass ich im Einklang mit dem Dharma bin. Wenngleich lieber im Verborgenen praktizierend, als sichtbar “Buddhistin” seiend.
Mein tiefster Herzensdank gilt Geshe Thubten Ngawang.