Vielleicht ist heute der Tag. Der Tag an dem meine Bedenken baden gehen, draußen im schwülwarmen Sommerregen. Dann tanzte ich mit den Regentropfen im Wind, ließe mich verwehen, ohne ein einziges Mal zurückzuschauen. Voller Freude und Ausgelassenheit strömte ich neuen Abenteuern entgegen. Beim Auftreffen zerstäubte ich in tausend winziger Tröpfchen, ein jedes seinerseits nach neuen Wagnissen Ausschau haltend. Ich flösse dahin, hinab, tropfte und fiel, täte mich zusammen mit anderen Tröpfchen, verweilte irgendwo, würde zum Erfrischungstrunk eines Insekts oder wüsche Staub von den Scheiben.
Vielleicht den Staub von genau der Scheibe, an der Du dir gerade noch die Nase platt gedrückt hast, aus lauter Sehnsucht. Wer weiß wonach? Ich wüsche den Staub, damit du besser hinauf in die Wolken schauen könntest, wie sie windgepeitscht vorüberschaukeln, sich verflüchtigend und neu formierend.
Ich dampfte davon, mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich hervorwagen, aus dem Wolkenmeer. Ich schwünge mich auf, hinauf, freudig mich in mikroskopisch kleine Wolkenwatte verwandelnd. Wie weit würde ich wohl fliegen, mit diesem neuen Gefährt? Bis nach Asien? Mich dort in einem Strudel eines Taifuns verhakend? Oder regnete ich sacht in Nachbars Garten, hinab auf sorgsam gepflegte Blumenbeete? Tropfte ich in das Salz des Mittelmeeres, leckte ich dort als vorsichtige Welle den Fuß eines zaghaft am steinigen Ufer stehenden Mädchens? Oder schneite ich als kristallschöne Schneeflocke hinab auf majestätische Berge? Zart dahinschmelzend auf besonnten Steinen oder verweilend auf Gletschers Zunge? Vielleicht zerplatzte ich auch auf dem gewölbten Rücken eines Marienkäfers, wieder mich teilend und vervielfältigend, um durstige Erde zu nässen?
Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich frei bin. Für einen Moment. Den ich mir heute zum Geschenk mache. Und morgen wieder. So oft es geht. Wann immer ich mich daran erinnere. Bis eine erkleckliche Zahl dieser kostbaren Tröpfchenmomente schließlich meine schmerzlich fest gefügte Existenz in einem wogenden Ozean unendlicher Möglichkeiten auflöste…